“Halt mich! Ich falle hinten über!” Mit einem Ansatz von Panik in der Stimme rufe ich Bernhard um Hilfe an. Ich hänge gut 100m über dem Gletscher auf 3500m an einer Felsstufe. Meine Beine baumeln im Nichts, meine Arme und der halbe Oberkörper sind bereits über die Stufe rüber. Ich habe guten Griff mit beiden Händen, aber der 10kg Rucksack zieht mich erbarmungslos hinten runter. Ich komme nicht mit dem Rest meines Körpers über die Kante. Bernhard steht nur 2m vor mir. Er ist an der Felswand gesichert und hektisch mit seinem Seil am Arbeiten, um zu mir zu gelangen. Alain, der dritte Mann in unserer Seilschaft sichert mich rund 25m über mir. Glaube ich. Sehen kann ich ihn nicht.

(http://blog.stephanwiesner.de/outdoor/highline-mont-blanc-tag-1/)

Immer wenn ich mit Bernhard in die Alpen gehe, kommen Momente, wo ich mir wünsche, es nicht gemacht zu haben. Im Interview erzählt er offen, was ihn dazu bewegt ohne Sicherung 1000m über dem Abgrund über eine Slackline zu laufen oder im Januar bei tiefen Minustemperaturen die schwersten Eiskletterrouten der Alpen zu bezwingen.

 

Interview mit Slackliner und Eiskletterer Bernhard Witz aus Bern, Schweiz

Wenn man Bernhard das erste Mal sieht, denkt man nicht, dass er ein Extremsportler ist. 34 Jahre, schlank und sehr ruhig, fast schon schüchtern. Die Fältchen in seinen Augenwinkeln verraten, dass er viel und gerne lacht. Keine Bodybuilder-Muskeln, aber auch kein dürrer Marathon-Körper.

Kennen gelernt habe ich ihn 2014 in Bern. Ich habe spontan beschlossen die Slackliner beim Training auf einer Highline, 15m über der Aare zu fotografieren. Für Bernhard war es die erste Highline nach der Winterpause. Sein Fokus war körperlich sichtbar. Während ich Fotos gemacht habe kam er ruhig Schritt für Schritt näher. Am Rand angekommen spreche ich ihn an: „Und? War es schwierig?“ Er blinzelt mich an und kommt aus seiner Trance heraus. „Nein“, kommt die lakonische Antwort.

„Und warum hat das dann so lange gedauert?“, blicke ich ihn herausfordernd an.

Bernhard braucht einen Moment um zu verstehen, dass ich das im Spass meine. Norddeutschen Humor versteht man vielleicht nur, wenn man dort aufgewachsen ist.

Bernhard Witz beim Eisklettern-Training in Bern

Bernhard Witz beim Eisklettern-Training in Bern

Wir sitzen bei Bernhard in der Dachwohnung in Bern. An der Decke hängen mehrere Ketten und Seile, zwei Eisgeräte stecken in den Ketten – sein Trainingsraum. Das Bett ist eine Matratze auf einer schmalen Ablage in 3m Höhe. Ein Geländer gibt es nicht. Stell Dir vor, du hängst mit Deinem ganzen Körpergewicht mit der linken Hand an einem dieser Eisgeräte und sollst jetzt das Zweite Eisgerät in eine Kette einfädeln, die höher als die erste hängt. Und dann noch mal. Und wieder zurück. Und noch mal vor. Ich habe es probiert und geschafft. Einmal. Danach sass ich mit rotem Kopf schnaufend auf dem Boden. Es braucht extreme Kraft in den Unterarmen.

 

Slackline oder Eisklettern?

„Wenn Du nur einen Sport machen könntest, was wäre das?“, stelle ich die erste Frage des Interviews. Bernhard schaut mich entsetzt an und schüttelt den Kopf.  „Uh, ne, das würde nicht gehen!“ Im Sommer führt er Highline-Expeditionen in den Alpen aber auch weltweit durch und geht Felsklettern. Im Winter betreibt er Eisklettern und dazwischen AcroYoga.

Über die Jahre habe ich Bernhard auf diversen Highlines begleitet. An hohen Brücken, 1000m über dem Oeschinensee bei Kandersteg und sogar auf 3700m neben dem Mt. Blanc. Bernhard ist der einzige Bergkollege, bei dem ich nicht jammere, dass mein Rucksack mit zwei Kameras zu schwer ist – weiss ich doch, wie schwer die Seile, Borhaken, etc. in seinem Gepäck sind.

Bernhard Witz auf Slackline bei Kandersteg in der Schweiz

Bernhard Witz auf Slackline bei Kandersteg in der Schweiz

 

„Was macht den Reiz der Highlines für Dich aus, warum riskierst Du da immer wieder Dein Leben?“, versuche ich ihn aus der Reserve zu locken.

„Die Highline ist wie Toprope-Klettern“, antwortet er, „man ist immer doppelt gesichert und kann nicht abstürzen. Gefährlich ist das hinkommen, der alpine Teil. Aber statistisch gesehen ist Autofahren viel gefährlicher.“

„Wenn Du auf der Highline stehst, ist das so wie der Flow beim Klettern?“, ich versuche nicht das erste Mal zu verstehen, was den Reiz der Highline ausmacht. „Ja, so ähnlich, aber extremer. Wie das Gefühl einen Gipfel zu besteigen, aber länger. Ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Ich spüre jeden Muskel, alles ist extrem klar.“ Versucht er das Gefühl zu beschreiben. In seinen Augen sehe ich diesen Glanz, den er auch hat, wenn er vor der Highline steht. „Das sind Urängste, die kann man überwinden. Das macht für mich den Reiz aus.“ Ein wenig hilflos schaut er in Richtung Küche. Richtig erklären kann man das Gefühl wohl nicht.

Slackliner Bernhard Witz aus Bern

Slackliner Bernhard Witz aus Bern

 

„Ist es schwerer auf eine Wand zu zugehen oder davon weg?“ Auch diese Frage habe ich schon öfter gestellt – wenn es überhaupt Wände gibt. „Man braucht einen Fixpunkt. Ein Diagonaler Felsriss ist ganz schlimm, der zieht einen runter. Oder hier über der Aare, da fällt man immer in die gleiche Richtung, der Fluss reisst einen mit. Wenn in der Wand kein Fixpunkt ist, dann ist es schwerer zur Wand zu gehen.“

 

Slackline Free-Solo

„Du läufst ja auch Free-Solo-Lines, also ungesichert. Warum macht man sowas, irgendwas kann immer passieren!“

„Nein, das ist wie beim Free-Solo-Klettern. Man übt so lange, bis man sich genug sicher ist, dabei nicht zu fallen. Natürlich geht man dabei nicht gleich an sein Limit wie wenn man gesichert ist.“ Seine Augen leuchten wieder und er holt sein iPad raus und zeigt mir ein 6 Jahre altes Youtube Video. Sein Weltrekord für die höchste Free-Solo-Line. Direkt an der Eiger Nordwand. Eine 18m lange Slackline – 1000m über dem Abgrund. Hin und wieder zurück. „Wenn Du da drauf stehst, dann gibt es kein zurück!“, ich versuche ihn in die Ecke zu drängen, aber er wehrt ab. „Doch, man kann sich jederzeit hinsetzen und ausruhen.“ Hinsetzen? 1000m über dem Eigertrail auf einer Slackline sitzen ist ausruhen? Ich schüttle den Kopf. Verstehen kann ich es nicht – mich der Faszination aber auch nicht entziehen.

Mt. Blanc im Hintergrund - Slackliner Bernhard Witz

Mt. Blanc im Hintergrund – Slackliner Bernhard Witz

 

„Wie bist Du von einer normalen Slackline zur Highline gekommen?“

„Wir sind zunächst Midlines gelaufen, also in einer Höhe wo man noch abspringen könnte, es aber weh tut. Dann kam uns die Idee das mit dem Bergsport zu verbinden.“

Direkt nach dem Studium an der ZHdK ist er für drei Monate in die USA gereist. Dort hat er viel Zeit mit Highlinen und Klettern verbracht. Insbesondere im Yosemite und in Moab.  „Statt wie die anderen direkt mit Arbeiten zu beginnen bin ich erstmal Reisen gegangen“. Damit war er einer der Vorreiter in der Schweiz. „Heute trainieren die Jungen viel intensiver. Und sie laufen längere Lines als wir.“

Eisklettern in einem Wasserfall bei Kandersteg

Eisklettern in einem Wasserfall bei Kandersteg

 

Training und Ernährung

Einen fixen Trainingsplan hat Bernhard nicht. Zum Trainieren macht Bernhard AcroYoga. Das verbindet sehr gut die wichtigen Dinge: Körperspannung, Gleichgewichtssinn, Team-Spirit und Spass. Damit ist es aber nicht getan. Insbesondere das Eisklettern braucht drei Dinge: Kräftige Unterarme, Erfahrung für die Einschätzung von Fels und Eis – und „gigantische Eier“, wie ein Freund das gerne bezeichnet.

Eisklettern in einer Gletscherspalte im Schneesturm -Schweiz

Eisklettern in einer Gletscherspalte im Schneesturm -Schweiz

 

Eine Schwierigkeit ist das Wetter: Auch in den Alpen kann man viele Routen nur in wenigen Wochen oder sogar nur Tagen im Jahr begehen. Es gibt keine eingerichteten Routen, das Eis ist jedes Jahr ein wenig anders. Gesichert wird meistens mit Eisschrauben, die man hinter sich wieder aus dem Eis nimmt. Es darf nicht zu kalt sein, sonst ist das Eis spröde und die Sonne darf nicht scheinen, sonst hält es nicht. Ich war viermal mit Bernhard Eisklettern, einmal hat uns die Skipartrouille mit einem Snowmobil im Schneesturm eingesammelt, zweimal waren wir bei Schneeregen in Kandersteg und einmal sind uns die Eisschrauben aus dem Eis geschmolzen, weil die Sonne schien. Angenehm war es nie.

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz - Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz – Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Eisschraube im Wasserfall

„Mach mal Deinen Kühlschrank auf.“ Ich schaue gerne bei Sportlern in den Kühlschrank. Bei Bernhard weiss ich, was mich erwarten wird: Zucker und Mehl. Und wirklich: Ich sehe Pizzateig, Softgetränke, ein grosses Stück Torte vom Vortag. Ich kenne niemanden, der sich scheinbar so unvernünftig ernährt – und mir dennoch am Berg wegläuft. „Ok, machen wir kein Foto“, sage ich und schliesse den Kühlschrank wieder. „Reden wir lieber über Dein Training.“

Für das Slacklinen trainiert er mit Freunden. Hier in Bern gibt es eine sehr aktive Slackline-Szene. Im Sommer sehe ich fast täglich mehrere Slacklines, wenn ich an der Aare joggen gehe. „Das schwierige ist es, den Kopf frei zu bekommen“, erklärt er mir. „Auf einer Highline oder Longline verliert man sofort das Gleichgewicht, wenn man den Kopf nicht frei bekommt. Man muss möglichst locker bleiben und darf nur an den nächsten Schritt denken.“

 

Passion

Sein ganzes Leben ist auf diesen Sport ausgelegt. Als Informatiker hat er Gleitzeit und arbeitet nur 80%. Zum Bewerbungsgespräch gehört für ihn die Frage nach „spontan frei nehmen“. Auf dem Dach von seinem Auto ist ein Dachzelt installiert.

„Wie ist das mit Freundinnen? Haben die nicht Angst um Dich? Ist das ein Problem?“ Wieder kommt dieser Blick den er manchmal aufsetzt. „Ich versuche das zu erklären“, murmelt er. Und dann „Das ist mir halt schon wichtig.“ Sein Blick schweift zu den Eisgeräten in der Decke.

Als ich das Interview daheim mit meiner Freundin bespreche sagt sie deutlich, dass sie das nicht ertragen würde. Mich hat das Gespräch sehr nachdenklich gemacht. Zwar risikiere ich nicht bewusst mein Leben, aber das Fotografieren ist für mich genauso eine brennende Leidenschaft wie für ihn die Suche nach dem Gefühl der Freiheit.

 

Slackline Highline an einer Bruecke in der Schweiz

Slackline Highline an einer Bruecke in der Schweiz

 

Warum gehe ich mit?

Ich bin selbst kein Slackliner und auch kein Eiskletterer. Dennoch gehe ich jedes Jahr wieder mit Bernhard los. Wenn ich nach langem Zögern sage „I am in!“ geht die Anspannung los. Die Faszination ist auch für Zuschauer ansteckend und mein Körper produziert reichlich Drogen auf den Touren.

Ich mag mich gut an ein Projekt an einer 80m hohen Brücke erinnern. Die Sicherung konnte nicht wie geplant gesetzt werden. Bernhard hat dann vorgeschlagen, einen Holzbalken in ein Abflusslock zu stopfen und die Line daran zu sichern. Durch den Zug würde das Holz verkeilen und konnte sich nicht lösen. Aber nach oben konnte man es einfach rausziehen. Die Anderen waren dagegen, Bernhard hat sich durchgesetzt. „Ein Notfall-Seil führte vom Ende der Line zwar noch bis zum Geländer hoch. Doch die Angst von allen war körperlich zu spüren.“ Aber auch das Leuchten in den Augen. Ich hatte eine Gänsehaut und meine Nackenhaare haben sich aufgestellt, als es hiess „Go!“.

 

 

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2017-05-19T06:22:03+00:00

3 Comments

  1. Elisabeth 20. December 2016 at 8:01 - Reply

    Schon allein beim Ansehen des Videos ist mir fast schlecht geworden und ich konnte es fast nicht bis zum Ende “genießen” 😉….
    Dies ist definitiv kein Sport für mich!

  2. Alex Kosch 20. December 2016 at 14:58 - Reply

    Da bekommt man weiche Knie beim zusehen. Der Moment wo er sich zum umdrehen hin hockt und der Fuß rutscht ein paar Zentimeter über die Slackline! Ich dachte das war es jetzt! Für einen normal Sterblichen total verrückt! Ich hätte mir schon in die Hose gemacht, wenn ich da am Abgrund die Kamera führen sollte, immer schön um Bernhard herum! Tolle Bilder ohne Zweifel, aber vollkommen verrückt! Mich würde interessieren was die Eltern davon halten?!

  3. Sven 29. December 2016 at 10:05 - Reply

    Eine toller Einstieg in die 12-teilige Serie die Du angekündigt hast. Das Interview beschreibt sehr schön welche Passion hinter dem Steckt, was Bernhard Witz tut. Weiter so! Ich bin gespannt wann Dein erster Artikel in einem der großen Magazine zu lesen sein wird.

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