Zum Frühstück hole ich die Thermoskanne aus dem Schlafsack und lege mir 2 Tütchen Nescafe parat. Dazu gibt es eine Handvoll Mandeln und Reiswaffeln. Unkomplizierte Energielieferanten für einen anstrengenden Tag. Während ich noch nicht richtig wach im Zelteingang sitze und vor mich hin knabbere, wachen die anderen langsam auf. Bei Julien geht der Gaskocher an zum Schnee schmelzen. Alain und Bernhard teilen sich die laumwarmen Wasserreste vom Vortag. Es wird nicht viel geredet, alle sind müde. Die Nacht war kurz und gut geschlafen hat wohl keiner. Kälte und Höhe sind in der ersten Nacht am unangenehmsten. Nach und nach verschwinden alle mit der Rolle WC Papier hinter dem grossen Felsblock 100m vom Lager entfernt.

Zelten in den Alpen im Schnee

Lauwarmer Kaffee zum Frühstück

 

Wie spannt man eine Highline?

Heute soll die Highline gespannt werden. Dazu bilden wir wieder zwei Teams, eins pro Felssäule. Auf beiden Seiten wird hochgklettert und 200m Seil herabgelassen. Daran befestigen wir die Slackline und ziehen sie dann hoch. Ich bleibe heute am Boden und helfe von unten. Nie ist es mir einfacher gefallen, mich freiwillig zu melden. Das nächtliche Abseilen vom Vortrag steckt mir noch in den Knochen – und die Brandblasen an meiner Hand erinnern mich daran, dass es kein Alptraum war.

Unser Lager auf dem Gletscher bei Nacht

Unser Lager auf dem Gletscher bei Nacht

Bernhard, Alain und Thibault stapfen klappernd über den gefrorenen Schnee. Sie werden das Seil, an dem wir gestern herab gekommen sind, im Selbstaufstieg hoch gehen und dann die Route zu Ende klettern. Julien gibt ihnen 3 Stunden Vorsprung und wird dann alleine die linke Säule, ebenfalls im Selbstaufstieg, besteigen. 170m senkrecht hoch mit der halben Slackline hinter sich ziehend.

Den Leerlauf wollte ich eigentlich nutzen, um ein paar Youtube Review Videos meiner Ausrüstung zu drehen. Aber heute weht ein starker Wind, der mir dies nicht erlaubt. Ausserdem bin ich einfach träge. Wir hängen im Lager rum, ohne etwas richtiges zu machen. Ich schmelze Schnee und fülle alle Wasserflaschen auf. Wir wechseln ab und zu ein paar Sätze, hängen sonst unseren Gedanken nach. Julien erzählt mir von seinen Kindern, ich erkläre, dass ich von Youtube lebe.

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Dann ziehen auch wir die Steigeisen an, schnappen unsere Eispickel und gehen zum Einstieg. Julien richtet eine Sicherung ein und dann warten wir auf einem Felsabsatz auf das Seil von oben. Ich habe Funkgeräte dabei, aber leider ist eins im Rucksack angegangen und heute Morgen ist der Akku leer gewesen. Einen Ersatzakku habe ich nicht. Also müssen wir mit Handzeichen und Schreien zurecht kommen. „It will never work“, meint Julien lakonisch und bleibt sitzen, als Alain sich bereit macht, das Seil herunter zu werfen. Von unten sehen wir klar, dass es nicht klappen kann, das 200m Seil herabzuwerfen. Zu viele Vorsprünge im Fels, an denen es hängen bleiben wird. Die Männer oben sehen das nicht und  geben ihm einen Versuch: Es funktioniert nicht. Das Seil bleibt nach rund 50m hängen. “See?” Ich nicke zustimmend und schliesse wieder die Augen.

Die Slackline wird den Berg hochgetragen

Die Slackline wird den Berg hochgetragen

 

Also zieht Alain das Seil wieder hoch und kommt zu uns herabgeseilt. Er hat ein 120m und ein 80m Statikseil zusammengeknüpft. Statikseile dehnen sich nicht – im Gegensatz zu Kletterseilen. Die Dehnung federt Stürze beim Klettern ab und verhindert, dass man sich den Rücken bricht, wenn man ins Seil fällt. Zum Abseilen oder Aufsteigen sind Statikseile aber einfacher zu handhaben. „A static rope is not so static if it is 120m long!“, Alain erzählt uns mit leuchtenden Augen, dass er beim wieder ins Seil einsteigen nach dem Knoten 8m abgesunken ist. Film in meinem Kopf! Mir zieht es den Magen zu, als ich mir vorstelle 50m über dem Eis in ein Seil zu steigen, dass 120m lang ist, frei hängt – und dann 8m ins Seil zu fallen. Urgh!

Die Highline von unten gesehen

Die Highline von unten gesehen

Jetzt haben wir auf beiden Säulen ein Seil am Boden. Die Slackline binden wir mit den beiden Enden daran fest und rechts beginnen Bernhard und Thibault die Line hoch zu ziehen, während Julien parallel dazu die linke Säule ersteigt und sein Ende mitzieht. Auch dort gilt es immer wieder das Seil an Felsnasen vorbeizubugsieren. Ich bringe von unten Spannung auf das Seil, während er oben einhändig im Seil hängt und mit Ganzkörpereinsatz versucht das Seil zu schwingen. Gut eine Stunde braucht er für die 170m Aufstieg. Die Jungs sind unglaublich fit. Ich werde am nächsten Tag 2 Stunden dafür brauchen – ohne Rucksack und ohne Kampf mit dem Seil.

 

 

Der Wind ist ein Problem

Für Alain und mich ist der Tag am Mittag bereits gelaufen. Wir schauen einen Moment zu, wie die Line immer höher steigt, dann gehen wir zurück zum Lager. Dort angekommen sehen wir, dass der Wind die Zelte von Bernhard und Alain weggeblasen hat. Obwohl sie voller Ausrüstung sind, liegen sie ein paar Meter verschoben auf dem Kopf. Also teilen wir uns meine Schaufel und verbringen den Nachmittag mit schlafen und schaufeln. Der Wind dreht ständig die Richtung, so dass wir Löcher ausheben und den Schnee in Hufeisenform aufschütten, um Windschutz in drei Richtungen zu haben. Mittags ist die oberste Schneeschicht weich und matschig, darunter jedoch hart gefroren. Mit Eispickeln und Schaufel ist es harte Knochenarbeit. Die beiden haben nur normale Sommer-Heringe dabei, die tagsüber keinen Halt im Schnee haben. Ich spendiere Bernhard daher einen meiner MSR Schnee-Heringe (Affiliate Link), den ich in die tiefergelegene, gefrorene Schneeschicht hämmere. Einer reicht, um zu verhindern, dass sein Zelt wegweht.

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You need beer in the mountains!

Gegen Abend kommen die drei Kletterer zurück ins Lager. Sie haben die Slackline gespannt und vorbereitet, hatten dann aber keine Kraft mehr, sie auch auszuprobieren. Der Wind hat ihnen dort oben mehr zugesetzt, als uns im Lager. Alain ist Hüttenwart auf der Dix Hütte und unser inoffizieller Koch. Während ich mal wieder Schnee schmelze und heisses Wasser verteile, wirft er die Töpfe an und zaubert ein leckeres Reisgericht. „You need beer in the mountains!“ Thibault holt 2 Bierbüchsen aus einem Rucksack, die wir uns mit unseren Thermoskannen-Bechern teilen. Der Sonnenuntergang ist wieder fantastisch und auch wenn wir alle frieren: Niemand von uns möchte zu diesem Zeitpunkt an einem anderen Ort sein!

Im Lager haben wir ein wenig Empfang mit unseren Handys. Organisationsaufgaben stehen noch an. Unser Drohnenpilot hätte an diesem Tag kommen sollen. Ihm war der Zustieg über den Gletscher dann aber zu schwierig und er hat abgebrochen. Die beiden Amerikanerinnen, die noch hätten kommen sollen haben es an diesem Tag auch nicht mehr geschafft. Sie haben eine 20 Stunden Autofahrt hinter sich und waren dann zu erschöpft. Sie werden hoffentlich am kommenden Tag zu uns stossen.

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Während die anderen sich langsam fürs Bett bereit machen, stecke ich meine Sony A6300 aufs Stativ und mache noch Sternenfotografie. Meine Füsse spüre ich inzwischen kaum noch. Der Wind bläst mir in die Kapuze der Daunenjacke. Ich habe meine alte Sturmmaske aus der Bundeswehrzeit an, nur die Augen und Nasenlöcher sind ungeschützt. Es kostet mich mental viel Kraft, nicht einfach in den Schlafsack zu kriechen. „Männers! Hurry on!“ Solange die Jungs mit ihren Stirnlampen im Lager rumlaufen kann ich keine Langzeitbelichtungen machen!

Gegen 22:30 schlüpfe ich dann endlich auch in meinen Schlafsack. Lange liege ich noch wach und versuche mich mit mentalem Training davon zu überzeugen, dass ich am kommenden Tag wieder klettern gehen werde. Wenn ich es nicht schaffe, nach oben zu kommen, dann bin ich umsonst hier. Schliesslich schlafe ich erschöpft, aber warm ein.

 

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Wie die Reise begonnen hat, liest Du im ersten Teil.

Das Ende liest Du im dritten Teil.

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2017-05-19T06:22:03+00:00

One Comment

  1. Richard 12. September 2016 at 21:31 - Reply

    YouTube Reviews auf über 3000 Meter am Berg drehen wollen um keine Zeit zu “verschwenden”.. Auf solche Gedanken kannst auch nur Du kommen oder?? Und ich dachte schon ich habe ein straffes Zeitmanagment in dem ich mir unterwegs immer schon von einem zum anderen Kunden überlege wieviel Zeit ich bis dahin brauche und wann ich schon beim übernächsten bin und wie lange ich hier und dafür brauche und wieder zurück in der Firma bin um dort einen reibungslosen Arbeitsablauf ohne Leerphasen zu gewährleisten..

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