Als ich in die vier hageren Gesichter am Parkplatz in Courmayeur blicke fallen mir die Sorgen der letzten Wochen wieder ein und mein Magen zieht sich zusammen. Neben ihnen sehe ich aus, wie ein Pummelchen. Fester Händedruck, Schwielen an den Händen, geaderte Unterarme und kein Gramm Fett zu sehen. So sehen starke Kletterer aus. Die anderen begrüssen sich herzlich und mit viel Lachen, ich stehe ein wenig am Rande der Gruppe und frage mich, was ich dort mache. Wir stehen an der Bahn auf den 3400m hoch gelegenen Gletscher zwischen Chamonix in Frankreich und Courmayeur in Italien. Dort werden wir vier Tage zelten und “easily the most beautiful highline I’ve ever tried!” errichten. Mein Job ist dabei: Fotografieren und nicht zu viel im Weg stehen.  Am folgenden Tag sollen noch zwei Videoleute und Faith, eine Elite Slacklinerin, dazu kommen.

An jedem anderen Parkplatz wären wir wohl auffällig mit rund 500m Seilen, einem Berg Kletterausrüstung, Steigeisen, Pickeln und was man halt sonst für die Berge braucht. Nicht so hier. Zwischen vielen Touristen hat es auch auffällig viele Männer mit Bart und groben Stiefeln. Das Personal an der Bahn verzieht daher auch keine Miene, als wir mit unserem Gepäck anmarschiert kommen. Noch riechen wir auch nicht auffällig, aber das wird sich schnell ändern. Rund 2000m fahren wir in der sich drehenden Gondel hoch. Um uns herum Touristen, die mit viel “Ahhh” und “Ohhh” ihre Handys gegen die Scheiben drücken. Ich versuche cool auszusehen, kaue Kaugummi, um den Druck in den Ohren auszugleichen und gehe in Gedanken noch mal durch, wie man sich auf dem Gletscher verhält. Nicht schon am Anfang zeigen, dass ich der Schwächste in der Gruppe bin!

Ein Berg Ausrüstung für unsere Expedition

Ein Berg Ausrüstung für unsere Expedition

 

 

Schlitten fahren ist lustig – Schlitten ziehen nicht

Von der oberen Station kann man direkt den Gletscher betreten. Mehrere Warnschilder raten uns zwar davon ab, aber wir zögern nicht lange. Wir sind spät dran und müssen voran machen. Es ist schon fast Mittag und der Schnee ist in der prallen Sonne weich und nass. Mit den Steigeisen haben wir dennoch perfekten Halt, aber unser Schlitten ist deutlich überladen und so braucht es drei Leute, um ihn überhaupt in Bewegung zu kriegen. Keine einfache Aufgabe, da wir auch noch aneinander gebunden sind. Wir gehen jedoch in Spaltengelände und wollen keine Risiken eingehen.

Ich filme ein paar kurze Sequenzen und stosse damit zunächst eher auf gereizte Gesichter. Bernhard, unser Expeditionsführer, hat viel Erfahrung mit der Arbeit mit Fotografen, die anderen nicht. Er hat sehr viel Energie in das Projekt gesteckt. Das Team zusammengestellt, einen deutschen Maschinenbauer als Sponsor aufgetrieben und weiss, dass wir Fotos und Videos brauchen, sonst bekommen wir kein Geld.

In einer langen Traversierung kippt der Schlitten mehrfach um. Trotz der Höhe schwitzen wir stark. Dazu kommt die dünne Höhenluft. Alain ist der Hüttenwart der Dix-Hütte (3000m) und voll akklimatisiert. Ausserdem ist er einer dieser Typen, die nicht still stehen können. Sein Energievorrat scheint unerschöpflich. In den folgenden Tagen werde ich ihn oft fluchen, aber nicht einmal jammern hören – und nie das Gefühl haben, dass er körperlich am Limit wäre. Uns anderen geht es nicht so gut und so keuchen und schnaufen wir 90 Minuten unserem Ziel entgegen.

 

Schlitten-Gletscher-Chamonix-Klettern

 

 

Zelten auf einem Gletscher in einer Höhe von 3400m

Unser Lager beziehen wir unter dem Mont Blanc und direkt vor den beiden Felssäulen Trident und Chandelle, zwischen welchen die Slackline gespannt werden soll. Innerhalb weniger Minuten steht mein Mountain Hardwear Direkt 2 Zelt. Wir nehmen einen kleinen Snack, sortieren die Ausrüstung für den ersten Tag und dann geht es schon los. Für mein Zelt verwende ich spezielle Schnee-Heringe von MSR (Affiliate Link). Tagsüber ist der Schnee zu weich für normale Heringe – wie die anderen noch merken werden. Wanderstöcke, Pickel, alles was man eingraben kann findet Verwendung als Befestigung. In diesem Youtube Video gebe ich weitere Tipps zum Zelten im Winter.

Was mir auffällt: Es ist still. Kein Windhauch geht und wenn die Anderen gerade nicht reden, dann höre ich nichts. Diese Stille ist es, die mich immer wieder in die Alpen zieht. Und die Sonne brennt erbarmungslos auf uns nieder. Wir werden die nächsten Tage kaum mal die Mützen oder Sonnenbrillen absetzen können. Der Schnee reflektiert und meine Augen fangen an zu tränen, kaum dass ich die Sonnenbrille kurz anhebe.

Highline-Chamonix-270

Julien und Thibault bereiten die Slackline vor

 

 

Klettern vor dem Mont Blanc

Die beiden Franzosen Julien von slack.fr und Thibault werden die linke Säule (Chandelle) besteigen. Eine sehr anspruchsvolle Route im sechsten Grad. Zusätzlich müssen sie noch 200m Seil mitschleppen. Alain und Bernhard nehmen mich mit auf den Trident. Die Route ist mit 5B moderat bewertet, aber das täuscht. Im Granit mit meinen normalen Wanderstiefeln, 10kg Kameraausrüstung im Rucksack und in der dünnen Luft – das bringt mich schnell ans Limit. 7 Stunden werden wir dort unterwegs sein. 7 Stunden bin ich überfordert. Körperlich fühle ich mich fit, aber mental zehrt es mich aus.

“Halt mich! Ich falle hinten über!” Mit einem Ansatz von Panik in der Stimme rufe ich Bernhard um Hilfe an. Ich hänge gut 100m über dem Gletscher auf 3500m an einer Felsstufe. Meine Beine baumeln im Nichts, meine Arme und der halbe Oberkörper sind bereits über die Stufe rüber. Ich habe guten Griff mit beiden Händen, aber der 10kg Rucksack zieht mich erbarmungslos hinten runter. Ich komme nicht mit dem Rest meines Körpers über die Kante.
Bernhard steht nur 2m vor mir. Er ist an der Felswand gesichert und hektisch mit seinem Seil am Arbeiten, um zu mir zu gelangen. Alain, der dritte Mann in unserer Seilschaft sichert mich rund 25m über mir. Glaube ich. Sehen kann ich ihn nicht.
“Schnell! Mein Griff löst sich!” Meine Unterarme brennen. Ich bin in diesem seltsamen Zwischenzustand: Ruhig und gelassen beurteile ich meine Situation, fast wie von aussen betrachtend. Mir kann nichts passieren. Ich werde 2-3m fallen und dann muss ich nur zur Wand zurückpendeln und kann es neu versuchen. Aber mein Reptiliengehirn versteht das nicht. Und so klammere ich mich weiter in den Felsen und beisse die Zähne zusammen.
Endlich, Bernhard ist bei mir und mit einem letzten Kraftakt gebe ich ihm meine Hand und er zieht mich auf die Stufe. Einen Moment liege ich keuchend auf dem Rücken und murmel “shit! shit! shit!” vor mich hin.

Highline-Chamonix-342

Julien und Thibault in der Granitwand gegenüber

 

Dann stehe ich auf und blicke rüber zu Julien und Thibault. Sie klettern an der Granitsäule gegenüber und wir haben einen guten Blick auf die beiden. Ich bin froh, dass ich nicht dort hänge. Ihre Route ist deutlich schwieriger und ausgesetzter als unsere. Morgen werde ich dort zwar auch klettern müssen, aber dann ist bereits ein Fixseil eingehängt. Ganz andere Situation.

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Bernhard und Alain studieren die Route

 

 

So funktioniert Alpines Klettern

Klettern in alpinem Gelände funktioniert so, dass einer klettert, der Zweite sichert ihn. Alle 20-50m ist ein Stand eingerichtet (1-2 Borhaken in der Wand, mit einer Kette verbunden). Kommt der erste Kletterer dort an, dann sichert er sich an diesem Stand und der Zweite folgt – jetzt von oben gesichert. Je nach Route sind zwischen zwei Ständen weitere Sicherungen. In der Kletterhalle meist in 1m Abstand – hier am Berg sind jedoch gar keine. Man kann teilweise behelfsmässige Sicherungen anlegen, z.B. mit Schlingen oder diversen Werkzeugen. Ein Sturz in diesen Routen kann jedoch fatale Folgen haben. Entsprechend klettert nur voraus, wer sich hier absolut sicher fühlt! Die Routen sind in einfachen Skizzen beschrieben, inkl. einer Bewertung der Schwierigkeit.

Ein sogenannter Friend wird als Zwischensicherung in eine Felsspalte geschoben

Ein sogenannter Friend wird als Zwischensicherung in eine Felsspalte geschoben

In unserem Fall klettert meist Alain voraus und sichert Bernhard und mich dann parallel von oben. Dadurch kann Bernhard mir helfen, wenn ich (mal wieder) irgendwo hängen bleibe. Da ich von oben gesichert bin, kann mir nicht wirklich etwas passieren. Aber es gibt immer wieder Stellen, über die ich nur mit Mogeln rüber komme. Aber ich bin hier, um RAUF zu kommen, nicht um eine gute Note für schönes Klettern zu erhalten!

Highline-Chamonix-361

Wir haben einen grossen Sack mit Seilen dabei. Das werden wir für den Aufbau der Slackline benötigen, aber es macht uns das Klettern nicht einfacher.

 

Abbruch und Abseilen im Dunkeln

Wir sind zu spät gestartet, die Höhe setzt uns zu sehr zu und, reden wir nicht drum herum: Ich bin der Kletterei nicht gewachsen und koste zu viel Zeit. Es wird bereits dunkel, als ich #wonderwoman eine SMS schicke “wir sind fast oben!”. Nur sind wir das leider nicht. Wir sind zu langsam! Als die Sonne untergeht hänge ich gerade mal wieder an einer Stelle, über die ich partout nicht rüber komme. Ich fluche und tobe, weil ich keine Hand frei bekomme, um ein paar Fotos zu machen. Erst als sie schon hinter den Bergen verschwunden ist, kann ich kurz aufatmen, die Stirnlampe rauskramen und ein paar Fotos schiessen.

Sonnenuntergang-Alpen-Chamonix

 

“My feet are FU… COLD!” flucht Alain. Sofort spüre ich auch meine Zehen kalt werden. Und ich habe dicke Wanderstiefel an. Wie er überhaupt noch klettern kann mit den Füssen, verstehe ich nicht. Alain klettert in den dünnen Kletterschuhen und die Temperatur ist inzwischen unter den Gefrierpunkt gesunken. “It hurts, you know, when I put my feet into these crags”, er zeigt auf den Riss, den er gerade geklettert ist. Dafür muss man die Füsse in eben diesem Riss verkeilen und dann aufstehen. Das tut schon unter normalen Bedingungen höllisch weh!

Wir haben nur noch zwei Seillängen, aber es ist klar, dass ich die nicht alleine hochkommen werde und schliesslich beschliessen wir abzubrechen. Dadurch werden wir viel Zeit verlieren, aber jetzt gilt es, Sicherheit an die erste Stelle zu setzen. Also Abseilen! Wir sind rund 150m über dem Gletscher. Das kann man nicht in einem Rutsch abseilen. Man befestigt das Seil wiederum an einem Stand und seilt dann bis zu einem weiter unten gelegenen Stand ab. 20-50m normalerweise. Dabei kann es im Wesentlichen zwei Probleme geben: Das Seil bleibt beim Runterwerfen irgendwo hängen oder man findet den nächsten Stand nicht. Dieser ist häufig nicht genau senkrecht unter dem oberen, so dass man ein wenig suchen muss. Beides wird durch die Dunkelheit erschwert. Während ich also mit mir ringe, ob ich die Luftrettung rufen soll, meint Alain nur lakonisch “Rappelling down in the dark, thats not the end of the world” und schon wirft er das erste Seil in die Dunkelheit und ist wenige Sekunden später verschwunden.

Ich bin der Nächste. Abseilen, das ist Routine. Hunderte Male gemacht – aber noch nie im Dunkeln. Dazu kommt, dass wir als erste Länge ein 80m Seil verwenden. Es ist schwarz, dünn und nagelneu. Daher hat es viel weniger Reibung, als ich gewohnt bin. Ich atme laut durch den Mund und schliesse einen Moment die Augen. Ich habe den Fehler gemacht, nach unten zu schauen. Im Schein der Lampe verschwindet das Seil nach ca. 25m im Fels. Tief darunter kann ich den Gletscher schimmern sehen. Von Alain keine Spur. “Rope free!” höre ich ihn rufen. Bernhard prüft noch mal mein Abseilgerät und gibt mir das OK.

Ich löse meine Sicherung und lasse mich vorsichtig ins Seil fallen. “Shit!” Ich kann nicht bremsen. Ich habe zu wenig Reibung. Verlangsamen, aber nicht komplett anhalten. Fest umklammere ich das Seil mit beiden Händen und gleite in die Dunkelheit. Hin und wieder muss ich mich an der Felswand abstossen oder eine Felsnase umrunden. Unter mir sehe ich weiterhin: Nichts. Wo ist Alain? Warum sehe ich sein Licht nicht? Brandblasen bilden sich an meiner rechten Hand, aber ich registriere das nur abstrakt. Schmerzen spüre ich nicht. Tiefer gleite ich. Und tiefer. 80m wollen kein Ende nehmen. Mein Abseilgerät wird heiss und ich bilde mir ein, verbranntes Gummi zu riechen. Dann fällt mir ein: Mein Prusik (die Notsicherung) ist schon 11 Jahre alt. Man sollte solche Dinge aber nach 10 Jahren austauschen. “Das ist das letzte Mal, dass ich den benutze!” laut murmel ich das vor mich hin und dann “Nein! Das ist das letzte Mal, dass ich klettern gehe!”

Noch immer klammere ich mich ins Seil und noch immer rutsche ich langsam tiefer. Dann, endlich, sehe ich Licht unter mir. Weit unter mir. Alain ist schon eine Seillänge weiter. Auf dem Gletscher sehe ich jetzt auch Licht. Julien und Thibault sind zu uns rüber gekommen und haben unsere Steigeisen und Alains Stiefel mitgebracht. Ich sinke tiefer.

Dann sehe ich Metall unter mir glitzern. Wie Alain es geschafft hat, den Stand zu finden ist mir ein Rätsel, aber dort ist er. Erleichtert hänge ich meine Sicherung ein und lasse mich einfach einen Moment hängen. Meine Hände schmerzen, die Knie zittern und ich stehe da im Dunkeln und höre absolut nichts als meinen Atem. Dann binde ich mein Sicherungsgerät los “Seil frei!” rufe ich Bernhard zu und hänge mich in das nächste Seil ein. Es gibt hier kein Zurück. Mit einem kurzen Stossgebet löse ich meine Sicherung wieder und beginne den nächsten Abschnitt abzuseilen. Wir haben erst die Hälfte hinter uns.

Eine Ewigkeit später stehen wir dann alle drei auf dem Eis. Ich schüttle Alain und Bernhard die Hand “thanks for getting me down!”. Dann schnallen wir die Steigeisen wieder an und begeben uns zu unseren Zelten. Es ist 22:30 als wir dort ankommen. Jetzt gilt es Schnee zu schmelzen für Tee, etwas zu essen und in die Schlafsäcke zu kriechen. Morgen wartet ein anstrengender Tag auf uns…

 

Abseilen in der Nacht

Abseilen in der Nacht

 

 

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2017-05-19T06:22:03+00:00

6 Comments

  1. Thomas Klingelhöfer 10. September 2016 at 21:41 - Reply

    Stephan, du machst Sachen….. Hut ab und Respect….und gut das du Profis bei dir hast, die helfen wenn es nötig ist.
    Der beste Kletterer ist nun mal nicht der beste Fotograf und umgekehrt ist es genauso. Nur gut wenn du alles gut überstehst und heile wieder runter kommst.
    Vielen Dank für deine Texte, solange dir nichts passiert finde ich das super. 😉

  2. Richard 10. September 2016 at 23:22 - Reply

    Ich wollte eigentlich gerade einen gehässigen Kommentar schreiben zu so manchem Deiner Fotografen Kollegen die selbsternannte “Abenteuer” Fotografie betreiben.. Ich verkneife es mir. Vielleicht schreibst du irgendwann noch ein Buch in Richtung Reisebericht/Fotografie o.ä. Deine Texte machen immer Lust auf mehr.. Und ich hab wieder mal bemerkt das Klettern nie was für mich werden wird. Hauptsache Ihr seit alle wieder heil runter gekommen.

  3. Carsten 11. September 2016 at 8:29 - Reply

    Respekt!

  4. Jörg 13. September 2016 at 9:25 - Reply

    Nur vom Lesen habe ich schweißnasse Hände bekommen.

  5. Stefan 15. September 2016 at 21:42 - Reply

    Super geschrieben, fast zum Miterleben…zumindest tropft der Schweiß bei mir noch…

  6. Sven 22. September 2016 at 21:02 - Reply

    Klasse Artikel! Die Bilder zeigen aber sehr schön, warum es sich trotzdem lohnt etwas derartiges auf sich zu nehmen.

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