Ich wusste, dass ich echte Probleme hatte, als der Arzt mich gefragt hat, ob er Fotos von mir für einen Fachartikel machen dürfe. Der Termin beim Schulter-Spezialisten war der letzte einer Serie. Rückenschmerzen, Schulterschmerzen, Entzündungen in der Hüfte. Hausarzt, MRT, Sportarzt, Physiotherapeut und nun der Schulter-Profi. Ja, er konnte mir helfen – und hat damit fast mein Leben zerstört. Heute halte ich mich zum Glück nicht mehr an seine Empfehlung. Aber der Reihe nach.

Fotograf Stephan Wiesner im Engadin, Schweiz

Fotograf Stephan Wiesner im Engadin, Schweiz

 

Jahrelange Schulterschmerzen beim Sport

Schon als Kind konnte ich nicht die Arme ganz grade hoch heben oder über Kopf arbeiten. Das war normal für mich und ist mir erst bei der Bundeswehr aufgefallen. Als junger Mann dachte ich, das käme vom Krafttraining und war sogar ein wenig stolz darauf. Zu viele Muskeln? Ich?

Mit 30 fing es dann aber an weh zu tun. Immer wenn ich eine längere Zeit Krafttraining gemacht habe und 80kg Bankdrücken geschafft habe, fingen Schmerzen in der rechten Schulter an. Das habe ich lange Zeit ignoriert und schliesslich statt dessen angefangen mit ernsthaftem Laufen.

Krafttraining

Krafttraining

 

Marathon laufen bis der Arzt kommt

2003 bin ich in die Schweiz gekommen und habe angefangen über die Jahre immer mehr zu Joggen, dann auch Marathon zu laufen. 2008/09 bin ich teilweise bis 150km die Woche gelaufen. In der Mittagspause schnell 15km abreissen, ein Sprung in die Aare zum Abkühlen und zurück an den Schreibtisch. Schliesslich habe ich den Luzern Marathon in knapp über 3 Stunden und die 10 Meilen von Bern in knapp über einer Stunde geschafft – und musste dann wegen Schmerzen abbrechen.

Marathon in Luzern

Marathon 2008

Probleme mit der Hüfte. Mein Arzt sagte mir, mein rechtes Bein sei leicht länger als mein Linkes und mit dem vielen Laufen würde das zu Entzündungen führen. Der Physiotherapeut bestätigte mir das, sagte aber, dass das linke Bein länger wäre. Einlagen haben nicht geholfen, Massagen schon. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis ich wieder schmerzfrei laufen konnte. Seit dem aber nur noch gemässigt, im Sommer vielleicht 30-40km die Woche, häufig weniger. Ohne Rückenschmerzen übrigens (dafür schon länger mit Problemen in der Achillessehne, irgendwas ist ja immer).

 

Krafttraining für die Seele

Sport war für mich immer der Ausgleich zum Beruf. Als Informatiker sitze ich den ganzen Tag krumm vor einem Monitor, ich muss mich bewegen, um das auszuhalten. Nachdem ich das Laufen aufgegeben habe, ging es zurück ins Fitness. 2003 wog ich 84kg, 2008 nur noch 67 und über die letzten Jahre bin ich jetzt wieder auf 77 hoch (178cm Grösse). Wieder kam ich nur bis 80kg Bankdrücken, aber diesmal waren die Schmerzen in der Schulter so schlimm, dass ich zum Arzt bin. Ich konnte den rechten Arm nicht mehr höher als zur Brust heben. Wie ich mich im Sommer daheim trainiere liest Du hier im Blog.

Dann ging die Odyssee los, bis der Schulterspezialist sich über mich gefreut hat. Ich habe eine angeborene Fehlentwicklung der Schultern, daher kann ich meine Arme nicht richtig anheben, bzw. nur wenn ich den Rücken krumm mache. Er hat mir keine Hoffnung gemacht: “Sie dürfen kein Bankdrücken mehr machen.” Ich war am Boden zerstört. Zu der Zeit ging es mir privat nicht gut. Zu viel Stress im Büro, keine Freundin, kaum privates Umfeld und dann kein Sport mehr? Das war im Herbst 2013, ein paar Monate, nachdem ich am Burnout stand. Ohne richtigen Sport habe ich mein Leben nicht mehr ausgleichen oder meinetwegen auch nicht mehr ertragen können. Die Schulter war OK, die Hüfte auch, aber Rückenschmerzen gehören zu einem Informatiker um die 40 wohl zum Berufsbild?

 

Der Velo-Mech rettet mich

2014 war ich voll im Fotografie-Fieber, meine neue Droge. Der Zufall hat es dann gewollt, dass ich einen Velo-Mech aus Spiez fotografiert habe. Fotos für seine Homepage. Er hatte ein aufwändiges Vermessungsverfahren, mit dem er Sportler vermessen hat, um ihre Rennräder und MTBs richtig einzustellen. Das habe ich auch machen lassen – und ihm sind meine Füsse aufgefallen. “Du hast ein schwaches Fussgewölbe”, hat er mir erklärt. Er hat mir dann Sporteinlagen empfohlen und mitgegeben. “Ja, genau, Sporteinlagen werden mir helfen”, habe ich innerlich gespottet – sie aber dennoch in meine Alltagsschuhe gesteckt.

MTB am Gurten in Bern

MTB am Gurten in Bern

 

Am Mittwoch hatte ich keine Rückenschmerzen mehr

Es war an einem Mittwoch. Ich bin am Morgen aufgewacht – und hatte keine Schmerzen. Das kann nur jemand verstehen, der über Jahre immer mit Schmerzen aufgewacht ist. Mal ist es der Rücken, mal die Schulter, mal das Knie, häufig alles gemeinsam. Ich konnte jahrelang nicht auf dem Bauch liegen, der untere Rücken tat zu doll weh dabei. Das war so normal, das habe ich gar nicht mehr bewusst wahrgenommen – bis es weg war.

Über Monate habe ich das dann ausprobiert. Mal ein paar Wochen ohne Einlagen – die Schmerzen in der Schulter kamen wieder. Dann wieder mit und nach ein paar Tagen war alles wieder gut. Heute habe ich in allen Schuhen diese Einlagen und wenn ich im Sommer ein paar Wochen überwiegend Barfussschuhe oder Sandalen trage, dann merke ich das.

Heute drücke ich 90kg bei 77kg Körpergewicht – ohne Schmerzen in der Schulter. Und meinem Rücken geht es blendend – trotz 7 Tage krumm am Computer (was mich irgendwann einholen wird).

Stephan Wiesner Langhantel Training

Rückenschmerzen? Ein gesunder Rücken?

 

Die Message ist: Nicht aufgeben mit den Rückenschmerzen

Ich möchte den Ärzten gar keinen Vorwurf machen. Wenn ich zum Schulterspezialisten gehe und sage meine Schulter tut weh und er sieht das Röntgenbild von meiner Verformung, dann ist es verständlich, dass er sich nicht mein Fussgewölbe anschaut. Wenn ich nicht intensiv Sport gemacht hätte, dann hätte ich vielleicht gar keine Probleme bekommen. Oder erst später. Und vielleicht kommen sie auch wieder mit dem Alter.

Der Körper ist komplex und er kompensiert. Meine schwachen Füsse kompensiert er vielleicht mit einem leichten Schiefstand in der Hüfte, was dann zu einem verspannten Nacken führt und sich in Schulterschmerzen äussert. Dank kräftiger Muskeln kann ich vielleicht ein Rückenproblem lange Zeit kompensieren. Beim Arzt wird leider meistens nicht das Ganze betrachtet, sondern nur die Symptome behoben. Meine Schulterschmerzen bin ich auch los geworden, als ich mit Sport aufgehört habe – nur kamen dann die Rückenprobleme wieder.

Ich hatte mich aufgegeben!

Die wichtige Message ist doch: Ich hatte mich aufgegeben. Oder zumindest das Thema Sport. Bin in eine tiefe Krise gefallen und habe ein wenig den Sinn im Leben verloren. Und heute geht es mir psychisch und körperlich sehr gut. Wegen ein paar normaler Sporteinlagen, die es für ein paar EUR im Veloladen gibt.

Ich hoffe, dass Du gesund und Fit bist! Falls nicht, hoffe ich Dir mit dieser Erfahrung ein wenig Hoffnung gemacht zu haben.

 

Wie ich trainiere oder welche Superfoods ich esse, liest Du hier im Outdoor-Blog. Auch das Interview mit der Bodybuilderin Eleni Strati könnte Dich interessieren.

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2017-05-19T06:22:03+00:00

11 Comments

  1. Andreas Schmutzler 10. February 2017 at 20:42 - Reply

    Hallo Stephan, interessanter Beitrag. Ein Teil deiner Schmerzen kann ich gut nachvollziehen. Und habe gemerkt das es mit dämpfenden Sportschuhen besser ist als mit harten Business Sohlen. 😉 Mich würde aber interessieren ob das spezielle Sporteinlagen sind auf die Du vertraust, oder ob das die nächst beste aus dem Schuhladen um die Ecke ist.

    • Stephan 10. February 2017 at 20:50 - Reply

      Nein, keine Spezialeinlagen.

  2. Richard 10. February 2017 at 20:47 - Reply

    Toller Artikel!!

  3. Thomas Klingelhöfer 10. February 2017 at 21:11 - Reply

    Guter Beitrag, was aus dem Leben, jeder hat seine Hürden (leider).
    Sehr ehrlich, wie bei Stephan gewohnt, das gefällt immer
    Mach weiter so, bei den Positiven Dingen hängen wir uns dran….
    Noch ein schönes (Film)zitat: Niemals aufgeben, niemals kapitulieren! das zieht sich durchs ganze Leben.
    Alles Gute,schöne Grüße und Danke
    Thomas K

  4. Christoph Feldhaus (Cee Eff @ fb) 10. February 2017 at 21:11 - Reply

    Als Physioherapeut, der regelmäßig Schultern behandelt, bin auch ich geneigt, den erwähnten Schulterspezi in Schutz zu nehmen. Wenn wirklich eine Fehlbildung vorliegt, wobei interessant wäre, was genau (Acromion Bigliani 2 oder 3 mit daraus resultierender Impingement- Problematik? <— liest sich so!), ist das natürlich das naheliegende, da diese Symptomatik im Grunde immer zu Problemen führt und nicht selten operativ behoben werden muß, Erstmal davon auszugehen, also lokal zu behandeln statt über Ursache-Folge-Ketten, ist veständlich und auch sinnvoll. Wobei es die Ärzte oft auch nicht besser wissen.
    Danke für den Input, fließt in mein Therapierepertoire mit ein!!!

  5. Martin Grass 12. February 2017 at 17:57 - Reply

    Hi Stephan. Es sind manchmal die Kleinigkeiten, die einen Menschen wieder ins Lot bringen. Super, dass Du dies mal in Deinem Blog aufgenommen hast. Gut für viele, die vielleicht auch ein solches Problem haben. Mich hat es auf zwei Seiten angesprochen. Einmal die Gesamtmessage “gib nicht auf” und die zweite ist die Idee, was mir selbst vielleicht auch helfen kann, Habe sowohl eine eingeschränkte Freiheit in den Schultern und auch seit über 8 Jahren starke Schmerzen im unteren Rücken, die sich mittlerweile auch über den gesamten Rücken ausbreiten. Und ich habe vor vielen Jahren auch sehr viel Sport gemacht und auch an der Sporthochschule Köln studiert.
    Welche Untersuchung hat Dir die richtigen Einlagen gebracht? Würde es gerne auch mal probieren.

  6. Kay 24. May 2017 at 22:57 - Reply

    Ist ja kaum zu glauben – Wahnsinn.
    Freut mich, dass es bei dir so einfach zu beheben war.
    Mich interessiert nun, ob der Erfolg bei dir auch dauerhaft war / ist ?

  7. Gerd 3. June 2017 at 21:44 - Reply

    Lieber Stephan,

    interessante Geschichte… und interessanter Artikel. Danke für den Impuls des NIEMALS AUFGEBENS. Das ist auch mein Mantra!

    HERZliche Grüße,
    Gerd

  8. Ann Paneczko 10. June 2017 at 18:31 - Reply

    Sehr interessanter Artikel, danke dass du dir die Mühe gemcht hast diesen Beitrag zu schreiben! Ich werde definitiv öfter vorbeischauen! 🙂

  9. JANA 10. November 2017 at 17:32 - Reply

    Danke für den tollen Artikel. Es bedeutet mir super viel, dass du das Thema Rückenschmerzen so informativ und voller Herzblut aufgreifst. Der Blog kann sich sowieso schon sehen lassen :-)!

  10. Selbsti87 15. November 2017 at 11:00 - Reply

    Der Beitrag ist wirklich mal motivierend. Sport ist definitiv sehr hilfreich, sofern man es in gesundem Rahmen macht. Leistungssport lasse ich gerne mal aussen vor, weil ich da selbst keine guten Erfahrung gemacht habe. Neben Sport kann aber auch Entspannung helfen. So eine Massage von einem Chiropraktiker in Bern oder anderswo kann auch Wunder wirken. Ist aber natürlich auch langfristig sinnvoll das mit Sport zu unterstützen.

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